Predigt zum Dreifaltigkeitssonntag

Liebe Schwestern und Brüder,

Obwohl wir mittlerweile am Ende der elften Woche des Ausnahmezustands sind kommt zu Beginn einer Begegnung doch immer wieder noch unsere gute Kinderstube durch und wir bieten unserem Gegenüber aus Macht der Gewohnheit unsere Hand zum Gruß, nur um dann regelmäßig zu erschrecken und zu merken, dass der übliche Handschlag halt momentan ausfällt. Ganz generell merken wir in diesen Monaten, dass uns etwas sehr wichtiges in unserem Leben fehlt: die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft mit unseren Freunden, mit Klassenkameraden oder Arbeitskollegen, sowie das gemeinschaftliche Beisammensein in den Vereinen. Und speziell in dieser Zeit fällt mir das Phänomen wieder verstärkt auf, dass Menschen in ihrer Freizeit meistens dahin gehen wo andere Menschen sind: in Cafes  oder beliebten Ausflugszielen tummeln sich ganze Heerscharen. Wir Menschen sehnen uns nach Gemeinschaft, nach Nähe, nach Liebe. Und das ist auch kein Wunder, denn das entspricht dem Wesen unseres Schöpfers. Gott selbst ist in sich Gemeinschaft: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Genau das feiern wir am heutigen Dreifaltigkeitssonntag. Unser Gott ist keiner der uns irgendwann vor Urzeiten einmal erschaffen hat und nun nichts mehr mit uns zu tun haben möchte oder uns gar allein lassen würde. Nein, Gott begegnet uns in Jesus von Nazareth als Mensch, wird einer von uns, lebt mitten unter uns und lehrt uns wie Gott sich gelingendes Leben in Gemeinschaft vorstellt. Mit uns selbst, mit ihm und mit unseren Mitmenschen. Und selbst nachdem der Sohn wieder in seine göttliche Herrlichkeit in den Himmel zurückgekehrt ist, die er vor seiner Geburt hatte, lässt Gott uns dennoch nicht alleine, sondern sendet uns seinen Heiligen Geist.

Liebe Schwestern und Brüder. Vater, Sohn und Heiliger Geist, sind drei göttliche Personen und doch nur ein einziger Gott. Das ist ein Geheimnis das wir in seiner Gänze nie wirklich werden begreifen können, etwas das unseren Verstand und unsere Vorstellungskraft übersteigt, jedoch dennoch Realität ist. Warum ist das für uns so wichtig? Nun, Jesus sagt an einer anderen Stelle des Johannesevangeliums, die wir erst vor kurzem gehört haben: sie sollen eins, wie wir eins sind. Mit diesem „sie“ sind wir gemeint, alle die auf den Namen des dreifaltigen Gottes getauft und mit dem Heiligen Geist gefirmt sind. Wir sollen eins sein.

Dass das mit dem Eins sein leider viel zu oft alles andere als einfach ist, erleben wir immer wieder in unserem eigenen Leben und zeigt sich momentan in erschreckendem Ausmaß bei den heftigen Auseinandersetzungen in den USA nachdem während eines Polizeieingriffs in Minneapolis ein Zivilist zu Tode kam. Es ist die jüngste Tat der nicht enden wollenden Rassismusstreitigkeiten und eine die das Fass offenbar zum Überlaufen gebracht hat. Und während man nun eigentlich dringend einen kühlen Kopf bräuchte, der versucht in dieser aufgeheizten Situation zu vermitteln und zu schlichten, werden die Gräben zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten mit weiteren sinnbefreiten Tweets noch vertieft.

Liebe Schwestern und Brüder. Eins sein. Das ist es was wir am heutigen Dreifaltigkeitssonntag wieder aufs Neue lernen müssen. Wir sind in Christus eins, sind eine Familie. Jede und jeder von uns mit seinen je eigenen Stärken und Schwächen, mit seinen Ecken, Macken und Kanten. Es gibt kein wir und die, sondern nur ein uns. Der deutsche Kirchenhistoriker Arnold Angenendt nennt in seinem Buch „Toleranz und Gewalt“ das Überwinden des früheren Stammesdenkens von wir und die als eine der größten

Leistungen des Christentums überhaupt. Egal welche Kultur man sich anschaut: es war vollkommen normal, dass ein Clan oder Stamm immer wieder andere Stämme überfallen und ausgelöscht hat, um die Existenz des eigenen zu sichern und zu festigen. Das Christentum hat im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr unser Bewusstsein verändert und entscheidend zu den Regeln beigetragen die 1948 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet wurden. Ich glaube, dass es eminent wichtig ist, miteinander im Gespräch und einem guten Austausch zu sein, denn dadurch erschließen sich neue Möglichkeiten und neue Wege werden sichtbar. Ja ich möchte sagen Kommunikation ist etwas Göttliches, denn auch Jesus selbst ist ja im Evangelium in ständigem Gespräch mit seinem Vater.

Liebe Schwestern und Brüder. Nur wenn wir miteinander sprechen, können Vorurteile abgebaut, Missverständnisse geklärt und Verletzungen geheilt werden. Das gilt für gesellschaftliche Spannungen genau wie für Unruhen in der eigenen Familie. Die Dreifaltigkeit ist uns darin ein Vorbild. Auch deswegen erinnern wir uns heute ganz bewusst daran, dass schon Gott selbst Gemeinschaft ist. Amen.