Predigt von Pfarrer Hof zum Christkönigsonntag

Liebe Schwestern und Brüder,

Als unsere Diözesanleitung uns Ende Oktober vorgewarnt hat, was es bedeuten würde, sollte das Land Pandemiestufe 3 ausrufen, musste ich schlucken. Teilnehmererfassung, kein Gemeindegesang und obendrauf noch die Maskenpflicht. Vor allem Letzteres stellt dabei einerseits für viele, die eigentlich gerne in die Gottesdienste kommen würden, eine beträchtliche Hürde dar, weil sie – aus welchen Gründen auch immer – nicht für den Zeitraum des ganzen Gottesdienstes den Mundschutz aufsetzen wollen oder können. Andererseits ist die Teilnahme am Gottesdienst mit Mundschutz für jene, für die es möglich ist, eine ziemliche Zumutung, denn eine echte feierliche Stimmung stellt sich so nur bei den wenigsten von uns ein. So habe ich in den Wochen seit Eintreten dieser Regelung vieles zu hören bekommen. Es gibt viele die mir und dem Pastoralteam den Rücken gestärkt haben, aber auch manche kritische Stimme, die mir und der gesamten kirchlichen Führung das Gottvertrauen absprechen wollten. Ich möchte das an dieser Stelle gar nicht im Einzelnen bewerten, sondern auf eines näher eingehen.

In der ersten Lesung aus dem Buch Ezechiel spricht Gott durch den Propheten davon, dass er selbst seine Schafe weiden wird. Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist.

Liebe Schwestern und Brüder. Dieser Auftrag, nach den Bedürftigen zu schauen ergeht durch Petrus auch an uns, d.h. an mich und alle kirchlichen Mitarbeiter. Seit Monaten stelle ich mir schon die Frage und betrachte diese Entwicklung mit großer Sorge, dass viele unserer Geschwister im Glauben aufgrund der Auswirkungen der Pandemie nicht mehr am Gemeindeleben, sofern es denn überhaupt stattfindet, teilnehmen können oder gar dürfen. Natürlich betreffen diese Einschränkungen im Endeffekt uns alle, aber es gibt doch manche unter uns, die noch übler betroffen sind als andere, sei es weil sie in einer Branche tätig sind, die seit März praktisch keine Einnahmen mehr hat, sei es weil sie oder einer ihrer Angehörigen eine Vorerkrankung haben und deswegen extrem vorsichtig sein müssen oder oder oder. Ich glaube, dass wir uns vor allem wieder bewusst machen müssen, dass wir tatsächlich Schwestern und Brüder in Christus, dass wir eine Familie sind. Das klingt zunächst ziemlich banal, zumal es nicht wenige Familien gibt, die sich im Laufe von Jahren und Jahrzehnten auseinander gelebt und zerstritten haben. Doch es gibt auch andere Familien. Ich möchte Ihnen gerne ein ganz aktuelles Beispiel von mir geben: die Frau meines Cousins sollte in der vergangenen Woche ihr zweites Kind zur Welt bringen, doch aus irgendeinem Grund klappte das nicht wie es sollte. Mit jedem Tag an dem das Baby nicht geboren wurde, stieg die Angst bei uns, denn es traten Komplikationen auf. Meine Tante, ihre Schwiegermutter richtete daraufhin Gebetsanliegen an uns, die wir wiederum an befreundete Christen weiterleiteten. Ich weiß nicht wie viele Menschen es am Ende waren, die unseren himmlischen Vater im Gebet bestürmt haben, doch endlich kam die Nachricht, dass das Kind geboren und alle Wohlauf seien.

Liebe Schwestern und Brüder. Mit dieser Anekdote möchte ich das bestätigen, was Papst Franziskus in seiner neuen Enyklika „Fratelli tutti – über die Geschwisterlichkeit“ geschrieben hat: „Bei einer Familie gehören die Eltern, die Großeltern, die Kinder dazu; keiner ist ausgeschlossen. Wenn einer eine Schwierigkeit hat, sogar eine gravierende, kommen die anderen ihm zu Hilfe und unterstützen ihn,  selbst dann, wenn er sie sich selbst „eingebrockt“ hat. Sein Leid ist das Leid aller.“

Als Geschwister im Glauben kann uns die Not der anderen nie egal sein. Ich möchte Sie daher eindringlich bitten: beten wir füreinander. Beten wir für all jene, die sich an den Sonntagen aufmachen in den Gottesdienst zu gehen, nur um dann an der Türe abgewiesen zu werden, weil aufgrund der Abstände kein Platz mehr da ist. Beten wir für all jene, die aus welchen Gründen auch immer nicht hier sein können obwohl sie es so gerne wären. Beten ist nicht nichts tun, sondern es ist ein Vertrauen darauf, dass Gott eben alles möglich ist, während die eigenen Möglichkeit begrenzt sind. Oft wird uns als Kirche vorgeworfen, dass wir in dieser Pandemie nichts tun, uns einigeln und nicht zu den Menschen gehen. Aber Beten ist aktives Tun; Erstkommunion feiern trotz Pandemie ist aktives Tun. Einerseits brauchen wir Gottvertrauen, deshalb beten wir. Und andererseits haben wir selber, jeder Einzelne von uns von Gott her eine große Eigenverantwortung übertragen bekommen. 

Liebe Schwestern und Brüder, mit dem heutigen Christkönigsonntag endet dieses Kirchenjahr. Ein Jahr, das uns allen in schmerzhafter Erinnerung bleiben wird. Im Evangelium haben wir von der Wiederkunft Christi gehört und davon, dass er uns fragen wird, was wir für unsere geringsten Brüder getan haben. Die Beantwortung dieser Frage könnte in diesem Jahr vielleicht so lauten: ich habe eine Oma oder einen alten Nachbarn, der nicht zum Einkaufen gehen kann, also habe ich das für ihn übernommen. Ich weiß, dass ein Bekannter von mir an Krebs erkrankt ist, also habe ich für ihn in der Kirche eine Kerze angezündet und ein Gebet gesprochen. Ich habe einen Onkel, der sonst niemanden zum Reden hat, also habe ich ihm zugehört.