Predigt von Pfarrer Hof zum 6. Sonntag der Osterzeit

Liebe Schwestern und Brüder,

Irgendwann ist der Zug abgefahren. Das ist nicht nur dann eine Feststellung, wenn man gerade nach Atem ringend und mit stechender Seite am Gleis ankommt und feststellen muss, dass mein Zug leider ohne mich losgefahren ist, sondern auch in so manchem was wir in unserem Leben gerne erreichen möchten. Etwa das Lernen eines Instruments. Irgendwann hat man vielleicht als Pensionär endlich Zeit um sich an ein neues Instrument zu wagen, um dann aber festzustellen, dass die Finger nicht mehr so geschmeidig sind, wie sie es mal waren. Oder es bietet sich mir im Beruf eine ungeahnte Chance und Möglichkeit aber ich brauche zu lange um mich zu entscheiden – und plötzlich ist die Chance dahin. Irgendwann ist der Zug abgefahren. Offenbar gibt es manche, die die Vorstellung haben, dass das auch mit dem Glauben an Gott und dem christlichen Leben so ist. „Jetzt bringt es ja auch nichts mehr“ habe ich erst neulich eine ältere Person sagen hören. Wenn man sein ganzes Leben lang nichts in einer Sache unternommen hat, dann bringt es nun, im vorgerückten Alter, nichts mehr, wenn ich jetzt noch damit anfange, wenn ich mich jetzt noch damit beschäftige.

Für viele andere Bereiche unseres Lebens, vielleicht sogar für alle anderen Bereiche unseres Lebens mag das zutreffend sein. Mit 70 Jahren ist es tatsächlich in den meisten Fällen ein wenig zu spät, um nun noch eine Karriere als Leistungssportler oder Startrompeter zu beginnen der in seinem Leben bisher noch nie Sport gemacht oder eine Trompete in der Hand hatte. Doch es ist ganz sicher nie zu spät sich zu bekehren, zu Gott zu finden und ein christliches Leben zu beginnen. Denn wir Menschen werden angetrieben von einer Sehnsucht. Wir meinen viel zu oft, dass es die Sehnsucht nach Reichtum und Wohlstand ist. Doch je mehr Besitz wir im Laufe unseres Lebens anhäufen, desto mehr müssen wir doch feststellen, dass uns das wenn überhaupt nur für einen kurzen Moment zufrieden stellt, dass Besitz aber nicht unsere Sehnsucht befriedigt.

Liebe Schwestern und Brüder, mit Blick auf das heutige Evangelium können wir diese Frage beantworten „was bringt es mir, wenn ich anfange mich mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen?“. Wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren, sagt Jesus im heutigen Evangelium. Wir Menschen sehnen uns nach Liebe, nach einer unendlichen alles überstrahlenden Liebe. Wir sehnen uns nach der Gewissheit angenommen zu sein. Und genau das verspricht uns Jesus. Wenn wir uns auf die Suche nach Christus machen, wenn wir über ihn und vor allem von ihm selbst in der heiligen Schrift lesen und es zulassen, werden wir uns in ihn verlieben und diese Liebe allein ist es, die unsere Sehnsucht stillen kann. Joseph Ratzinger hat in seiner Zeit als Professor gesagt: Wenn wir wieder merken, dass der Mensch eben wirklich nicht vom Brot allein lebt und dass er noch lange nicht erlöst ist, wenn er ein Einkommen hat, das ihm gestattet alles zu besitzen, was er wünscht und eine Freiheit, die ihm erlaubt, alles zu tun, was er möchte; dann wird er erst merken, dass Freiheit allein nicht frei macht. Dass er etwas braucht, was ihm der Kapitalismus des Westens so wenig gewährt wie der Marxismus. Das Wesen des Christentums ist Christus. Wo wir ihn verlieren, ihn nicht mehr erkennen wollen, bleiben nur Schatten übrig. Und Schatten leben nicht.

Liebe Schwestern und Brüder. Ich glaube, dass viele Christen sich inzwischen vor allem in diesen Schatten verstecken „das muss jeder für sich selbst entscheiden“. Das ist durchaus richtig, aber das spricht uns noch nicht

von unserer Verantwortung und Aufgabe als Christen frei. Der Apostel Petrus sagt uns in seinem Brief heute ganz eindeutig: Heiligt in eurem Herzen Christus, den Herrn!
Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen,
der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt. Die euch erfüllt! Das heißt, wir müssen zunächst von dieser Hoffnung auch tatsächlich erfüllt und durchdrungen sein, um Zeugnis und Rechenschaft geben zu können. Und das können wir nur dann, wenn wir in Christus sind und bleiben. Indem wir ihn im Sakrament der Eucharistie empfangen und uns im Sakrament der Versöhnung von ihm wieder zusagen lassen, deine Sünden sind dir vergeben, wir beide fangen jetzt wieder gemeinsam von vorne an. Wenn wir Christus lieben, wird er sich selbst uns offenbaren und unsere Sehnsucht stillen. Was heißt das konkret? Wie zeigt sich das, woran merken wir diese Christusliebe?

Ein Blick auf große Persönlichkeiten der Geschichte kann uns darauf den  Versuch einer Antwort geben: selbst in der Hoffnungslosigkeit der Konzentrationslager gab es zahlreiche Geistliche, die Texte verfasst haben, die auch noch in unsere Zeit hineinwirken. Ein Dietrich Bonhoffer zum Beispiel mit seinem bekannten Text „von guten Mächten wunderbar geborgen“, in der sicheren Erwartung des Todes.

Wenn wir in der Liebe zu Christus bleiben, können wir selbst Extremsituationen wie die derzeitige nicht nur überstehen, sondern werden sogar zur Kraftquelle für andere, die den Weg zu Christus noch nicht gefunden haben. Amen.