Predigt von Pfarrer Hof zum 29. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Schwestern und Brüder,

So schön mein Sommerurlaub in die Normandie auch war, so sehr bin ich doch erschrocken darüber, dass man in Frankreich offenbar keinerlei Vorsorge treffen muss, dass an Sonn- und Feiertagen auch etwas zu Essen im Kühlschrank ist. Die Geschäfte haben tatsächlich sieben Tage die Woche geöffnet. Von einem guten Freund habe ich gehört, dass seine italienischen Verwandten sehr erstaunt waren, als sie ihn in Deutschland besucht haben, dass die Geschäfte hier sonntags noch zu sind. Aber auch bei uns gibt es immer mehr Berufe, die es erforderlich machen, dass man auch an Sonn- und Feiertagen dienstbereit ist. Da wird es logischerweise schwierig eine Kirche von innen zu sehen. Und wenn diese Tage dann doch zufällig frei sind, dann nutzt man sie lieber als Möglichkeit um mal wieder mit der Familie einen Tagesausflug zu machen. Gerade bei uns hier im Argental hat man ja die Qual der Wahl: von der Radtour durchs schöne Hinterland, über den Abstecher an den See oder einen Tripp in den nahe gelegenen Bregenzerwald ist alles dabei. Sonntag ist Familientag. Oder?

Liebe Schwestern und Brüder. Ich beobachte diese Entwicklung schon seit einiger Zeit und sie lässt mich ehrlich gesagt staunen. Es erstaunt mich wie selbstverständlich und wie gerne Sonn- und Feiertage angenommen werden, während gleichzeitig vollkommen ausgeblendet wird, warum es diese Tage eigentlich gibt. Es gibt sie, weil Deutschland vor gar nicht allzu langer Zeit einmal ein christliches Land gewesen ist. Ein Land in dem man unter der Woche im beruflichen Alltag beschäftigt war und an den Sonntagen in der Gemeinde zusammengekommen ist. Ende des vergangenen Jahrhunderts, das noch gar nicht so furchtbar lang her ist, war selbst meine Heimatgemeinde in der Großstadt voll – und zwar jeden Sonntag.

Warum spreche ich heute vom Sonntag? Ganz einfach: Im heutigen Evangelium sagt Jesus den Pharisäern, die ihm mit ihrer Frage eine Falle stellen wollen, dass wir Gott das geben sollen was Gott gehört. Die Frage der Pharisäer war in der Tat eine ganz hinterhältige Falle, denn sie brachte Jesus in eine wirklich brenzliche Situation: Die Römer waren damals Besatzungsmacht in Israel und haben eine Steuer eingeführt, die alle zahlen mussten. Schmutziges Römergeld durfte aber keinesfalls in den Tempel Gottes, deshalb gab es ja auch die eigene Tempelwährung und zum Wechseln die Geldwechsler im Tempel. Denn auf dem Silberdenar war nicht nur ein Bild des römischen Kaisers eingeprägt, sondern zu allem Übel auch noch am Rand der Text: „Kaiser Tiberius, des göttlichen Augustus anbetungswürdiger Sohn.“ Ein göttlicher Kaiser? Undenkbar für die Juden, das war Götzendienst. So können wir uns gut vorstellen, dass man dieses Geld nur mit sehr gemischten Gefühlen in die Hand nahm. Der Plan gegen Jesus sah nun so aus: Jesus konnte sich unmöglich vor einer Antwort drücken und mit dieser Frage konnte man ihn nicht nur in Verlegenheit bringen, sondern man hatte ihn in der Falle. Würde er antworten, dass man dem Kaiser die Steuern bezahlen sollte, wäre er bei den gläubigen Juden unten durch. Niemand würde mehr auf einen solchen Rabbi hören, der mit dem klaren JA auch die Fremdherrschaft der Römer akzeptiert. Wenn Jesus allerdings NEIN sagte und sich gegen die Steuerzahlung aussprechen würde, dann wäre ihm die baldige Verhaftung sicher wegen des Verdachtes, ein Aufrührer zu sein. Doch Jesus überrascht mit seiner Antwort einmal mehr: gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

Liebe Schwestern und Brüder. An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein und ich glaube auch gestellt werden: was gehört denn Gott? Die Antwort ist ganz einfach: wir; wir gehören Gott. Wie gesagt, klingt zunächst einfach, hört sich aber in unseren Ohren eher nach tiefstem Mittelalter und Leibeigenschaft an; „ich hab doch schon immer gewusst, dass die Kirche von vorgestern ist.“ Es regt sich sofort der Widerstand in uns: ich gehöre niemand, ich gehöre nur mir selbst. Doch das stimmt nicht. Wir merken es schon allein daran, wenn wir mal einen ehrlichen Blick auf unser Leben werfen: wie sehr gehören wir denn tatsächlich uns selbst? Ist es nicht eher so, dass wir ständig von anderen gesagt bekommen was wir zu tun haben? Vom Chef, vom Ehepartner, von den Eltern, von Freunden? Wo sind denn in unserer Zeit in der gefühlt jeder Zweite Burnout bedroht ist und die Kalender zum Platzen gefüllt sind die Momente die wirklich uns gehören?

Liebe Schwestern und Brüder. Wir sind dabei dieses unfassbare Geschenk dieses freien Tages weg zu schmeißen. Du sollst den Tag des Herrn heiligen. So lautet das dritte der zehn Gebote Gottes. Selbstverständlich ist es wunderschön, wenn sich die Familien an diesem Tag auch mal besonders Zeit füreinander nehmen, denn in der Geschäftigkeit des Alltags kommt das häufig zu kurz. Doch das kann nicht automatisch bedeuten, dass deswegen Gott übergangen wird. Gebt Gott was Gott gehört. Wir gehören Gott! Geben wir uns also Gott. Geben wir ihm diese Zeit. Wenn wir als Christen nicht aufpassen, dann wird uns diese Zeit über kurz oder lange genommen. In Frankreich ist es bereits soweit. Den Sonntag heiligen ist nicht irgendein netter Vorschlag den wir irgendwo in einem Ratgeber über Lebensgestaltungen lesen, sondern das ist ein göttliches Gebot! Nicht das Gebot eines Despoten der uns damit schikanieren will, sondern es ist das eines liebenden Vaters an seine Kinder, um ihnen etwas Gutes zu tun, um ihnen etwas zu schenken. Amen.