Predigt von Pfarrer Hof zum 23. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Schwestern und Brüder,

Manche der eindrücklichsten Szenen meiner Kindheit sind jene, in denen wir zu Besuch bei meinen Großeltern mütterlicherseits waren. Vor allem wenn dann noch die eine oder andere Tante und speziell die Schwiegersöhne meiner Großeltern mit dabei waren, kam es eigentlich regelmäßig zu einer – nennen wir sie mal vorsichtig – lautstarken Unterhaltung. Speziell mein Opa, dessen großes Vorbild niemand geringerer war als der ehemalige bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß und der selbst als Politiker sah, wusste dabei wortgewaltige Reden zu halten, denen seine Töchter und auch mancher Schwiegersohn in nichts nach standen. Ja im Hause Ertinger konnten durchaus auch mal verbal die Fetzen fliegen. So heftig sogar, dass mancher Außenstehende, der das so nicht gewohnt war, es mit der Angst zu tun bekommen konnte. Doch das wichtigste dabei war, dass ganz egal wie sehr das verbale Gewitter zwischen den Streithähnen auch toben mochte, es kam nie zu einem echten Bruch in der Familie. Wenn sich die Gemüter wieder abgekühlt hatten konnte man auch wieder miteinander lachen und sich in die Arme schließen.

Liebe Schwestern und Brüder. Ich erzähle Ihnen diesen Schwank aus meinem Leben nicht, damit Sie ein Bild dafür bekommen wie es in Teilen meiner Familie zugegangen ist und teilweise noch zugeht, sondern weil mir diese Haltung, diese Fähigkeit besonders im Blick auf die heutige Gesellschaft auffällt. Denn es erscheint mir als könnten die Menschen heute viel schlechter streiten als früher. Wenn heute ein böses Wort gesagt wird ist man gleich tödlich beleidigt und redet nicht mehr miteinander, anstatt dass man sich wieder zusammenrauft, oder verklagt den anderen sogar. Nein, heute läuft man vor einer Meinungsverschiedenheit lieber davon. Und leider ist das auch bei unterschiedlichen Glaubensvorstellungen so. Inzwischen ist es die gängige Einstellung wenn zwei unterschiedliche Glaubensvorstellungen aufeinander stoßen, dass man sofort den Kopf einzieht, um auch ja jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen. „Das muss jeder für sich entscheiden“. Ja, das ist vollkommen richtig. Nur spricht uns das lange nicht davon frei, dass wir voller Freude und Leidenschaft von unserem Glaube Zeugnis abgeben und unser Gegenüber so aus der Fassung zu bringen, um ihn neugierig zu machen. Jemand der von Christus und dem Glauben an ihn vorschwärmt wird heute mitleidig belächelt oder ungläubig angeschaut, „was du glaubst tatsächlich noch an Gott?“

Liebe Schwestern und Brüder. In der Lesung aus dem Buch Ezechiel bekommen wir Getaufte, wir die an Gott glauben einen ganz klaren Auftrag: wenn du nicht redest, um den Schuldigen vor seinem Weg zu warnen, dann wird dieser Schuldige seiner Sünde wegen sterben; sein Blut aber fordere ich aus deiner Hand zurück. Machen wir uns nichts vor: das ist ganz heftiger Tobak! Gott ist an dieser Stelle ausgesprochen deutlich: es ist unsere Aufgabe, ja sogar unsere Pflicht Glaubensgespräche nicht nur nicht zu vermeiden, sondern sich ihnen zu stellen, diesen Konfrontationen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern von Christus Zeugnis zu geben.

Ich weiß, dass es viele unter Ihnen gibt, die diesen Auftrag Gottes erfüllen und zwar genau da wo er am wichtigsten und gleichzeitig am schwierigsten ist: in der eigenen Familie, bei den eigenen Kindern. Wie oft höre ich, dass Eltern in Sorge über ihre Kinder sind, weil sie von Gott und seiner Kirche nichts wissen wollen. Eltern die beim Versuch ihren – oft schon erwachsenen – Kindern von Jesus zu erzählen auf geschlossene Ohren und vor allem auf geschlossene Herzen ja meist sogar auf regelrechte Ablehnung und Verachtung treffen. Wie soll man sich da als Eltern verhalten? Den Auftrag Jesu erfüllen und bei jedem Treffen auf mein Gegenüber einreden? Vor kurzem habe ich bei der heiligen Katharina von Siena einen Satz gelesen, der vielleicht eine Antwort auf diese Frage gibt: „Wahrheit schweigt nicht, wenn es Zeit ist zu reden. Wahrheit schweigt, wenn es Zeit ist zu schweigen, und in ihrem Schweigen schreit sie mit dem Schrei ihrer Bereitschaft zu leiden.“ Für mich bedeutet das, dass es sehr wohl Momente gibt, in denen unser Gegenüber für die Wahrheit nicht bereit ist, wenn unsere Worte und selbst wenn sie die Wahrheit sind, nichts oder sogar Gegenteiliges ausrichten. Ich glaube, dass wir dafür beten müssen diese Momente zu erkennen, damit das rechte Wort zur rechten Zeit gesprochen wird. Und Jesus selbst sagt es uns im Evangelium: es gibt Menschen, die so sehr verblendet und in sich selbst verschlossen sind, dass sie für die Wahrheit nicht bereit sind und sie nicht erkennen können. Doch dann spricht uns das lange nicht davon frei für diesen Menschen zu beten und um den Heiligen Geist zu bitten, dass er uns das rechte Wort zur rechten Zeit schenkt. Liebevoll und voller Leidenschaft vom Grund unserer Hoffnung berichten, dann wenn es Zeit ist zu reden. Amen.