Predigt von Pfarrer Hof zum 11. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Schwestern und Brüder,

Bevor ich mich gegen Ende meines Studiums dazu entschlossen habe Priester zu werden, studierte ich zunächst mit dem Ziel Pastoralreferent zu werden. Als solcher muss man im sogenannten Bewerberkreis einige Praktika durchlaufen. Eines dieser Praktika musste ich in einer Gemeinde absolvieren. Während der Fasnet 2011 war ich also für sechs Wochen in Ochsenhausen als Praktikant im Einsatz. In dieser Zeit ist mir eines vor allem im Vergleich mit meiner Heimat in der Großstadt ganz massiv aufgefallen: die Menschen denen ich Tag täglich während meines Aufenthalts in Ochsenhausen begegnete hatten ein Leuchten und ein Strahlen in ihren Augen, dass ich so bisher noch nie wirklich wahrgenommen hatte. Als ich dann wieder in Stuttgart war habe ich mal ganz bewusst darauf geachtet ob ich mir das während meines Praktikums nur eingebildet hatte – doch ich stellte recht bald fest, dass dieses Leuchten und dieser Glanz in den Augen, nennen wir es einmal verhältnismäßig stumpf war. Als ich hier her ins Argental kam, ist mir dieses Strahlen sehr bald wieder aufgefallen. Und ich habe mich gefragt woran das liegt.

In einer Großstadt wie Stuttgart ist man einer unter vielen. Ein kleines Teilchen, das sich im großen Kollektiv verliert, das untergeht, nicht weiter wahrgenommen wird. Selbst die direkten Nachbarn, die in der gleichen Straße wohnen kennt man normalerweise nicht, geschweige denn, dass man Kontakt mit Ihnen hätte. Man geht in der Anonymität der Masse unter. Sicher, die Freizeitmöglichkeiten sind enorm: shoppen, einkehren, Kino, Museen, Schwimmbäder, Planetarium und vieles mehr. Und doch: etwas fehlt. Ich bin mir sicher, dass die meisten es gar nicht so genau benennen könnten, was ihnen fehlt. Ja mehr noch, viel zu viele sind sich sicher, dass ihnen überhaupt nichts fehlt. Nur als einer der auch schon etwas anderes erlebt und erfahren hat, behaupte ich, kann man das überhaupt bemerken. Nur dann kann feststellen, dass in den Augen kein oder kaum ein Strahlen da ist.

Liebe Schwestern und Brüder. Vielleicht kennen Sie den Ausdruck, dass unsere Augen die Spiegel unserer Seele sind. Wenn das wahr ist, dann können wir in den Augen unseres Gegenübers schon ganz viel über ihn oder sie erfahren. Wie es demjenigen geht, ob er mir wohl gesonnen ist oder mir am liebsten den Kopf runter reißen würde oder sich vielleicht sogar vor mir schämt, ob er vor Energie und Lebenskraft nur so sprüht oder müde ist und die Lust am Leben verloren hat. Und damit sind wir genau beim heutigen Evangelium angelangt: als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. In einer Großstadt wie Stuttgart wird es immer schwieriger nicht unter die Räder, bzw. ins Hamsterrad zu kommen. Immer noch mehr leisten und am besten noch immer schneller weil man sonst den Anschluss verpasst. Und die Sonn- und Feiertage werden dafür genutzt um je nach Wetter den ganzen Tag im Bett oder auf der Couch zu chillen und sich auf Netflix, Amazon Prime oder sonst einem streamingportal den nächsten Serienmarathon reinzuziehen.

Was war es doch für ein Genuss für mich, als ich im September des vergangenen Jahres meinen Dienst hier im Argental antreten durfte. Da habe ich in vielen Augen wieder dieses Strahlen entdeckt. Und wirklich: die ersten Monate bin ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus gekommen, ich habe es glaube ich schon mehrmals gesagt. Wie die Menschen im Argental feiern können, mit den vielen Konzerten der Musikvereine, mit den verschiedenen Märkten, Hoketse und weiß nicht was alles – da kann eine Großstadt einpacken! Und vor allem ist mir eines aufgefallen: zu eigentlich all diesen Veranstaltungen wurden Pfarrer Anand und ich eingeladen. Und wenn ich mein Erstaunen darüber geäußert habe, habe ich immer die gleiche Antwort erhalten: des isch hier normal, des ghert so!

Liebe Schwestern und Brüder. Natürlich ist momentan durch Corona alles anders. Aber ich behaupte, dass hier im Argental deshalb Gott sei Dank noch vieles anders ist, weil bei aller Geschäftigkeit Gott nicht vergessen oder gar ausgeblendet und ignoriert wird. Alleine die letzten Wochen haben es gezeigt: während selbst die Sportschau in der ARD nach Wiederbeginn der Bundesliga einen stetigen Zuschauerrückgang verzeichnen musste, dürfen wir uns Woche für Woche über mehr Gottesdienstbesucher freuen! Ja tatsächlich mussten wir bei den Werktagsmessen in den kleineren Gemeinden wiederholt Menschen an der Tür abweisen, weil die Plätze einfach alle belegt waren. Das ist besonders und das soll an dieser Stelle auch einmal positiv erwähnt werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass deswegen alles gut ist und wir nun die Füße hochlegen können, bei uns im Argental läufts. Denn auch hier steigt die Anzahl der Menschen, die müde und erschöpft sind. Nur wenn wir auf unseren guten Hirten, wenn wir auf Jesus vertrauen und uns als Gemeinde und Seelsorgeeinheit von ihm führen lassen, wird er uns Ruhe verschaffen, sodass wir mit neuer Kraft weitermachen können. Nur dann wird unser Gegenüber das Strahlen in unseren Augen sehen und wir werden sie neugierig machen: dieser Mensch scheint eine Kraftquelle zu haben. So können wir Menschen zu Jesus führen. Amen.